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Ein Preis für den
Greis
Als wir noch jung und wild
waren, steckte ein Foto von Stefan Raab hinter unserem Spiegel.
Der Mann war im Fernsehen und trotzdem ein Anarchist. Der lachte
schallend über seine Witze, und es war Frechheit, keine
Animation. Nun ist aus Raab ein zahmer Fernseharbeiter geworden.
Wenn er in seiner neuen Show jeder Pointe ein dröhnendes Lachen
hinterherschickt, dann wirkt das plötzlich wie ein Flehen um
Bestätigung und Konsens: Man möge sich doch bitte so kräftig
amüsieren, daß die Direktion mit ihrem neuen Einkauf zufrieden
sein kann.
Raab hatte mit einer kleinen, frechen Show auf VIVA Erfolg.
Jetzt steht er bereit für größere Aufgaben. Er moderiert eine
Art Trash-Version der Late-Show Harald Schmidts. Sitzt im Studio
hinter einem großen Schreibtisch und präsentiert die Kuriositäten
des Fernsehalltags der vergangenen Woche: die närrischsten
Talkshow-Gäste, die attraktivsten technischen Pannen, die größten
ästhetischen Pleiten. Er verleiht einen Preis an Leute, die
sich auf einem der Sender durch absurde Komik hervorgetan haben.
Sein Preisträger ist ein rüstiger Greis, der in Berlins
Offenem Kanal Tanzparties für Senioren arrangiert.
Manches erinnert noch an Raab, den Anarchisten. Etwa, wenn er
Rudi Carell in dessen Büro mit einem bösen Ständchen überrascht.
Refrain: „Wann wirst du endlich wieder witzig?“ Carell
gefriert das Lächeln im Gesicht. Aber Raab selbst hat sich verändert.
Das unbekümmert Introvertierte und der listige Witz sind
verschwunden. Der Moderator agiert hier nach einem mittelmäßigen
Drehbuch, verfaßt von mittelmäßigen Gagwritern. Keine Chance,
da noch mehr als den Durchschnitt anzuliefern. So ist er auf dem
besten Weg, selbst zum Fernsehalltag zu werden.
Tom Peuckert
Quelle:
Badische Zeitung
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